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Pressemitteilung vom 08.08.2007

PM FAZ zur schnelleren Behandlung von Herzinfarkten

Medizin - Wissen - FAZ.NET - Herzinfarkt: Schnellere Behandlung fü...
Herzinfarkt
Schnellere Behandlung für bessere Chancen
Von Nicola von Lutterotti
08. August 2007
Die hohe Sterblichkeit von Patienten mit akutem Herzinfarkt
lässt sich drastisch senken, wenn die verschlossene
Kranzarterie frühzeitig mit dem Katheter geöffnet wird.
Basierend auf den Ergebnissen mehrerer großer Studien,
empfehlen die nationalen und internationalen kardiologischen
Fachgesellschaften, solche Eingriffe innerhalb von 90,
spätestens jedoch 120 Minuten vorzunehmen. Im Alltag
bleiben so rasche Behandlungszeiten freilich oft ein hehres
Ziel. Gelangt ein Patient rechtzeitig ins Katheterlabor, ist das
immer öfter eher einem glücklichen Zufall als einer straffen
Organisation zu verdanken.
In der Fachliteratur mangelt es zwar nicht an sinnvollen
Vorschlägen, wie man diesem Manko begegnen kann. Die meisten nehmen aber nur
einzelne Prozesse ins Visier. Nach ganzheitlichen Ansätzen, in denen die gesamte
Versorgungskette – angefangen von der Alarmierung des Notarztes bis hin zur
Wiederherstellung des Blutflusses in der verlegten Ader – Berücksichtigung findet, sucht
man darin allerdings vergeblich.
Kürzere Behandlungszeiten sind geboten
Das Verdienst von Ärzten und Rettungskräften um den Kardiologen Karl Heinrich Scholz
vom St.-Bernward-Krankenhaus in Hildesheim ist es, sich dieser wichtigen Aufgabe
angenommen und praktikable Lösungen gefunden zu haben. Der Erfolg ihres Unterfangens
stellt vieles, was bislang in diesem Sektor erreicht worden ist, in den Schatten. Er
widerlegt zudem die vielfach geäußerte Behauptung, die Zielvorgaben der
Fachgesellschaften seien utopisch und daher nicht zu verwirklichen. Auch Scholz und seine
Kollegen hielten die einschlägigen Empfehlungen zunächst für wenig realistisch.
Ursprünglich hatten sie daher vor, ihre ablehnende Haltung mit Fakten zu untermauern.
Denn sie seien davon ausgegangen, so der Kardiologe in einem Gespräch, sie würden
bereits das Optimum leisten und könnten sich daher nicht weiter verbessern.
Wie sie bei einer ersten Bestandsaufnahme feststellten, lagen ihre Behandlungszeiten
nicht im empfohlenen Zeitrahmen. Zwischen dem ersten Kontakt des Patienten mit dem
Rettungssystem und der Öffnung des verlegten Gefäßes vergingen bei ihnen im Mittel
etwa 130 Minuten. Scholz und sein Team nahmen daraufhin Schritt für Schritt die gesamte
Versorgungskette unter die Lupe, um nach Möglichkeiten für eine Effizienzsteigerung zu
suchen. Aktiv unterstützt wurden die Ärzte dabei von Vertretern aller Berufsgruppen, die
in ihrer Region am Transport und an der Behandlung von Infarktkranken mitwirken. Hierzu
zählten zum einen Sanitäter, Feuerwehrleute und Notärzte und zum anderen das
einschlägige Klinikpersonal des St.-Bernward-Krankenhauses und einiger anderer Kliniken.
Gewonnene gegen verronnene Zeit
Das Ergebnis der schrittweise vorgenommenen Veränderungen hat selbst die Autoren der
Studie überrascht. Anders als zunächst vermutet enthielten die einzelnen Abläufe der
Versorgungskette nämlich einen erheblichen zeitlichen Spielraum. Das galt vor allem für
die Aufenthaltszeit des Notarztes am Einsatzort, die Verweildauer der Patienten in der
Notaufnahme und die Behandlungszeit im Katheterlabor.
Dank der Einführung einer Reihe von effizienzsteigernden Maßnahmen verringerte sich die
Zeitspanne zwischen der Arbeit des Notarztes und der erfolgreichen Gefäßaufdehnung von
rund 130 Minuten im ersten Quartal auf 90 Minuten im zweiten, 80 im dritten und 75
Minuten im vierten Quartal. Bei jenen Patienten, die ohne den Umweg über die
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Notaufnahme vom Notarzt direkt zum Katheterlabor befördert wurden, war der Zeitgewinn
am größten. Ein solcher Direkttransport kam immer dann in Betracht, wenn das vom
Notarzt per Funk an die Intensivstation gesendete Elektrokardiogramm (EKG) des
Patienten unzweifelhaft einen Herzinfarkt nachwies.
Enorm motivierend
Aber auch die auf normalem Weg in der Klinik eingetroffenen Patienten profitierten von
der strafferen Organisation, zumal sich auch in der Notaufnahme die Abläufe erheblich
beschleunigten. Lagen zwischen Klinikaufnahme und Öffnung der Herzkranzarterie zu
Beginn der Studie im Mittel noch rund 60 Minuten, war es am Schluss nur noch eine
knappe halbe Stunde.
Laut Scholz kann ihr Versorgungsnetz, dank des systematischen Vermeidens von
Verzögerungen, inzwischen fast alle Infarktkranken aus einer Umgebung bis zu 50
Kilometern innerhalb von 90 Minuten behandeln. Zu verdanken sei dieser Erfolg dem
Faktum, dass sie den Ist-Zustand regelmäßig erfassen und mit allen an der
Versorgungskette beteiligten Personen besprechen. Die Möglichkeit, aktiv zum Erfolg des
Projekts beitragen zu können, wirke sich auf diese enorm motivierend aus. Sich selbst
wollte der Kardiologe dabei nicht ausnehmen. So habe er es zuvor nicht für möglich
gehalten, dass auch er, ein in Kathetereingriffen geübter Arzt, zum Zeitgewinn beitragen
könnte. Zu seinem Erstaunen sei das aber der Fall gewesen.
Gefährlich lange Wege
Die größte Zeitersparnis brachten offenbar zwei Maßnahmen – die unmittelbare
Verständigung der Klinik über den Notfall und die Entscheidung des auf der Intensivstation
tätigen Arztes, dass ein Akuteingriff notwendig ist. Der einschlägige Beitrag des Notarztes
besteht darin, das EKG sofort an die Intensivstation zu übermitteln und zugleich den dort
tätigen Arzt telefonisch zu kontaktieren. Der zusätzliche Anruf sei deshalb so wichtig,
sagte Scholz, weil das Personal der Intensivstation oft mit anderen Patienten beschäftigt
sei und daher das eingehende EKG nicht immer gleich wahrnehme.
Stehe die Infarktdiagnose fest, nehmen die klinikinternen Abläufe ihren Lauf. In dem Fall
werden umgehend zwei Assistenzkräfte des Herzkatheterlabors und der den Eingriff
vornehmende Kardiologe alarmiert. Da sich rund die Hälfte aller Herzattacken außerhalb
der normalen Dienstzeiten ereignen, befindet sich das Fachpersonal nicht immer in der
Klinik und muss daher teilweise größere Distanzen zurücklegen, um zum Krankenhaus zu
kommen.
Geringere Sterblichkeitsraten
Dass das Qualitätsmanagement Patienten mit akutem Herzinfarkt zugute kommt, legen
die vorläufigen Auswertungen der Ergebnisse des Herzinfarktnetzes
„Hildesheim–Leinebergland“ nahe. Demnach scheint die Sterblichkeit der Infarktkranken
bereits merklich zurückgegangen zu sein.
Für Scholz und seine Kollegen geht es nun darum, den hohen Standard der akuten
Versorgung von Infarktkranken auch in Zukunft beizubehalten. Zu hoffen bleibt außerdem,
dass ihre Erfahrungen auch jenseits von Hildesheim Schule machen.


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